Projekt „Seiltänzer“ gestartet

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Projekt „Seiltänzer“ gestartet

Hoch über dem Marktplatz einer kleinen Stadt hatte ein Seiltänzer sein Seil gespannt und machte dort oben unter den staunenden Blicken vieler Zuschauer seine gefährlichen Kunststücke.

„Glaubt ihr, dass ich da auf diesem Seil rübergehen kann?“, fragte er in die Menge.

„Ja, wir glauben es“ riefen die Menschen und schauten dem lebensgefährlichen Unternehmen gespannt zu. Und so ging er in luftiger Höhe mehrmals über das gespannte Seil.

Gegen Ende der Vorstellung holte er eine Schubkarre hervor und fragte die Anwesenden: „Glaubt ihr, dass ich auch mit diesem Schubkarren rüberkomme?“
„Ja, wir glauben es, du schaffst es!“ schrien die Zuschauer begeistert.
Und tatsächlich kam er mitsamt Schubkarren am anderen Ende an, und die Menschen waren begeistert.

Dann fragte der Seiltänzer die Zuschauer: „Wer will sich in die Schubkarre setzen, damit ich ihn dann über das Seil schiebe?“

Da wurden die Mienen der Zuschauer ängstlich. Nein, dazu hatten sie keinen Mut! Nein, keiner traute sich das.

Plötzlich meldete sich ein Junge. „Ich setze mich in die Karre“, rief er, kletterte hinauf, und unter dem gespannten Schweigen der Menge schob der Mann das Kind über das Seil. Als er am anderen Ende ankam, waren alle außer sich vor Begeisterung und klatschten begeistert Beifall.

Einer aber fragte den Jungen: „Sag, hattest du keine Angst da oben?“
„Oh nein“, lachte der, „der mich über das Seil schob, ist ja mein Vater!“

Ein solches Vertrauen in Erwachsene fehlt Schulschwänzern völlig. Angst und mangelndes (Selbst-)-Vertrauen spielen bei ihnen eine viel größere Rolle, als die scheinbar starke und schroffe Fassade der Jugendlichen vermuten lässt. Die Pestalozzi-Stiftung Hamburg hat im Herbst 2015 in Kooperation mit dem Bildungs- und Beratungszentrum Altona (ReBBZ) am Schulstandort Carsten-Rehder-Straße im Kerngebiet von Altona mit einem neuen Projekt begonnen, das Schulschwänzern und Jugendlichen, die aufgrund ihres „originellen“ Verhaltens aus dem Klassenverband ausgeschlossen wurden, helfen soll, wieder das notwendige Vertrauen zu sich selbst und in ihre Umwelt aufzubauen.

Mit dem Projekt „Seiltänzer“ wird mit der Schule, den Eltern und den Institutionen im Sozialraum daran gearbeitet, die Jugendlichen und ihre Familien bedarfsgerecht zu unterstützen und ihnen so wieder Zugänge zum Bildungssystem zu verschaffen. Die Bereiche Erziehung, Bildung und Lebensbewältigung werden als Ganzes angegangen; die geschlechtsspezifische Situation der Jungen und Mädchen besonders beachtet.

Bis zu sechs Jugendliche bekommen durch unser Team eine ihren Ressourcen entsprechende Unterstützung, die sie vor allem in ihrer persönlichen Entwicklung voranbringen soll. Da bei Schulverweigerern in der Regel auch Erziehungsschwierigkeiten der Eltern vorliegen und die soziale Integration der Jugendlichen nahezu misslungen ist, orientiert sich unsere Arbeit auf das „gesamte Problem“, nicht nur auf Teilaspekte. Wir ermitteln den erzieherischen Bedarf, die entwicklungsgemäßen Bedürfnisse und die Talente der Jugendlichen und entwickeln auf dieser Grundlage alltagsstrukturierende Individual- und Gruppenangebote. Die Jugendlichen sollen fester Bestandteil einer sozialen Gruppe werden, Erfolge verbuchen und wieder Lebensfreude entwickeln.

Wir hoffen, ihnen so wieder ein Vertrauen in sich selbst und in Erwachsene geben zu können, das ihnen bessere Chancen für ihr weiteres Leben gibt.

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